Digitale Ungleichheit - Nachrichten
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Wer zahlt für die KI?
Wieviel menschliche Arbeit steckt eigentlich hinter KI-Tools wie Chatbots, Bildgeneratoren, automatischen Inhaltsfiltern in sozialen Medien, Suchsysteme, Gesichtserkennung oder Übersetzung? Meist bleibt diese Arbeit unsichtbar, wenig machen wir uns darüber bisher Gedanken. Genaue Zahlen gibt es nicht, aber Schätzungen gehen weltweit von etwa 154 bis 435 Millionen Data Workers aus.
Millionen von Menschen, die nach Schätzungen der Weltbank Daten für KI-Systeme vorbereiten, prüfen, beschriften oder kontrollieren. Ihre Arbeit passiert oft im Hintergrund, ist aber zentral dafür, dass künstliche Intelligenz (KI) überhaupt funktioniert, damit die Tools besser erkennen und verarbeiten können. Dazu gehören etwa das Markieren von Bildern, das Sortieren von Texten, das Prüfen von Suchergebnissen, das Moderieren von problematischen Inhalten bis hin zum Reinigen und Sortieren von Trainingsdaten.
Ausbeuterisches Geschäftsmodell, intransparente Bedingungen
Was können wir tun?
Beginnen Sie, hinzuschauen: Reflektieren Sie KI-Tools kritisch, fordern Sie gute Bedingungen für Data Workers oder unterstützen Sie FEMNET mit einer Spende dabei, die Stimmen von Data Workers sichtbar zu machen.
Die Arbeitsbedingungen sind häufig unsicher und belastend. Viele arbeiten über Plattformen oder Subunternehmen, oft mit wenig Schutz, kurzer Planungssicherheit und Bezahlung nur pro Aufgabe statt pro Arbeitszeit. Niedrige Löhne und psychische Belastungen sind die Regel und scheinen ein ausgesprochenes Geschäftsmodell zu sein. Die Branche ist stark von Intransparenz geprägt und die Beschäftigte müssen oft sogenannte Non-Disclosure Agreements (NDA) unterzeichnen, die sie zum Stillschweigen über ihre konkrete Tätigkeit verpflichten. Hinzu kommt algorithmische Überwachung: Die Arbeit wird digital kontrolliert, bewertet und manchmal bei schlechter Bewertung einfach nicht bezahlt.
Die psychische Belastung entsteht nicht nur durch prekäre Arbeitsbedingungen, sondern vor allem durch dauernden Kontakt mit verstörenden Inhalten, fehlende Unterstützung und extreme Unsicherheit. Besonders bei Content-Moderation müssen Menschen oft Gewalt, Hassrede oder sexuelle Gewalt sehen, was Angst, Stress, Schlafprobleme und in schweren Fällen auch traumatische Folgen auslösen kann.
Frauen* besonders stark belastet
Viele der Data Workers befinden sich in vulnerablen Lebenssituationen, in denen sie kaum Zugang zu besseren Arbeitsplätzen haben. Frauen* sind in der Branche nicht nur von den schlechten Bedingungen betroffen, sondern sie wirken oft stärker durch deren geschlechtsspezifische Ausprägung. Das betrifft vor allem mangelnde Sicherheit, psychische Belastung, unfaire Bezahlung und fehlende berufliche Anerkennung. Unsichere Beschäftigungsverhältnisse treffen Frauen* in vielen Fällen besonders hart, weil sie oft weniger Verhandlungsmacht und weniger Schutz im Job haben. Dies verbindet sich mit einer doppelten Belastung durch Carearbeit, die sie außerhalb ihrer Arbeitszeit leisten müssen. Gleichzeitig werden sie bei Moderations- und Labeling-Tätigkeiten häufiger mit sexualisierten oder gewalttätigen Inhalten konfrontiert, die psychisch stark belasten und eigene Gewalterfahrungen reaktivieren können.
Profitable Ausbeutung digitaler Lieferketten
Ein großer Teil dieser Arbeit wird systematisch in den globalen Süden ausgelagert. Firmen in Europa oder Nordamerika vergeben die Aufgaben an Plattformen und Dienstleister*innen in Ländern wie Kenia, Indien, Südafrika, den Philippinen oder Venezuela, weil dort die Löhne niedriger sind und die Haftung oft schwerer durchsetzbar ist. Dadurch entsteht eine Art Verantwortungs-Lücke: Die Konzerne profitieren, aber die Risiken und Belastungen landen bei den Beschäftigten vor Ort. Dieses Modell ist für Big Tech sehr profitabel: Durch Outsourcing können Unternehmen große Mengen an Datenarbeit billig einkaufen und so KI-Systeme schneller und günstiger aufbauen. Die Gewinne entstehen also nicht nur durch Software selbst, sondern auch durch die Ausbeutung günstiger, unsichtbarer Arbeit entlang der globalen KI-Wertschöpfungskette. Big Tech hat ein starkes Interesse daran, diese prekären Bedingungen zu verstecken und gegen staatliche Regulierungsversuche vorzugehen.
Was können wir tun?
Data Workers machen erst möglich, was wir als „künstliche Intelligenz“ wahrnehmen. Ohne ihre Arbeit gäbe es viele der heutigen KI-Tools, Filter und Automatisierungen nicht in dieser Form. Deshalb geht es bei dem Thema nicht nur um Technik, sondern auch um faire Bezahlung, Gesundheitsschutz und echte Verantwortung der Unternehmen. Was können wir also tun?
Individuelle KI-Nutzer*innen können…
…spenden, um die Sichtbarkeit von Data Workers zu stärken.
Gemeinsam mit Techworkers Community Africa und IT for Change setzt sich FEMNET in dem Projekt „Sichtbar werden: Gerechte Anerkennung für Datenarbeiter*innen in Afrika und Indien“ für bessere Arbeitsbedingungen in der KI-Lieferkette ein.
Diese Arbeit steht noch ganz am Anfang – mithilfe von Spenden können wir unsere Aktivitäten ausbauen, um den Stimmen von Data Workers in den Produktionsländern Gehör zu verschaffen.
…die Nutzung von KI-Tools kritisch reflektieren.
Was steckt hinter den KI-Tools steckt, die wir täglich nutzen? Als erstes können wir uns darüber informieren.
Hier einige Tipps dazu:
…bei den Firmen nachfragen, die KI-Tools anbieten:
- Legen Sie die Lieferkette offen dar?
- Gibt es vertragliche Verpflichtungen zu fairen Löhnen, Arbeitsschutz?
- Gibt es Beschwerdemechanismen in allen Subunternehmer*innen-Verträgen?
- Gibt es Gesundheitsschutz für Hochrisiko-Arbeit? (z.B. psychologische Betreuung, begrenzte Arbeitszeiten mit belastendem Material)
Unternehmen, die KI-Tools nutzen, können…
…Transparenz einfordern und Risiken vermindern.
Generell sollten Unternehmen immer auf unternehmerische Sorgfaltspflichten in der Lieferkette setzen: Risiken erkennen, vorsorgen, Abhilfe schaffen. Als erster Schritt sollte auch hier unbedingt nach Transparenz gefragt werden. In der Lieferant*innenauswahl können z.B. die fairwork AI Prinzipien als Auswahlkriterium genutzt werden.
In Verträgen mit Sublieferant*innen sollten verbindliche Mindestanforderungen zu fairer Bezahlung, vollständige Bezahlung der tatsächlich geleisteten Zeit, Pausenregelungen, Gewerkschaftsvertretung, psychosoziale Unterstützung und transparente Verträge auch für die nachfolgenden Sub-Unternehmen festgelegt werden, die nachgewiesen werden müssen.
… spenden, um Aufklärung über Arbeitsbedingungen in der Datenindustrie zu stärken.
Je mehr wir über die Risiken in digitalen Lieferketten wissen, desto leichter wird die Umsetzung der eigenen unternehmerischen Sorgfaltspflichten. Dass hier gravierende menschenrechtliche Risiken bestehen, ist bereits bekannt – es besteht also Handlungsbedarf.
Unternehmen müssen sich der Erschließung ihrer digitalen Lieferketten aber nicht alleine stellen: Gemeinnützige Akteur*innen wie NGOs können in diesem noch vergleichsweise jungen Arbeitsfeld einen effektiven Beitrag leisten und Unternehmen auf diese Weise längerfristig bei der Prävention vor Menschenrechtsverletzungen unterstützen.